Das tadellose Timing des Zeitfahrers Tony Martin

Tony Martin

Tony Martin im Zurheide-Interview – über Taktik, Technik, Talent, eine Stadt im Tour-Taumel und sein persönliches Traum-Szenario vom gelben Trikot!

Am 1. Juli 2017 blickt die Welt nach Düsseldorf. Flankiert von frenetisch klickenden Kameras startet dort Tony Martin mit vielen anderen Radprofis in die 104. Auflage der Tour de France und zählt zu den Favoriten für den Auftaktsieg. Von der Messe durch die Innenstadt surrt das Hauptfeld, rauscht vorbei an Fähnchen schwenkenden Fans, stolzen Stadtvätern, an Trauben von Journalisten, Reportern und Kamerateams. Selbst kleine Städte wie Neuss, Mettmann, Mönchengladbach und Aachen macht das sportliche Spektakel mobil, welches mit Martins Einzelzeitfahren über 14 Kilometer beginnt. Für den amtierenden Zeitfahrweltmeister, der diesmal für das Team Kartusha Alpecin fährt, ist das legendäre Rennen eine Zäsur. Weiß er doch, dass die Chance das gelbe Trikot vor deutschem Publikum überzustreifen in dieser Form nicht wiederkommt. Entsprechend akribisch tüftelt sein Team seit Monaten an Material und Ausrüstung für eine gelungene Tour: die einzigen Leistungsverstärker, welche das neue, strenge Radsport-Reglement erlaubt. Nach den Doping-Skandalen der Nuller-Jahre gilt: Startschuss für eine ehrliche, neue Ära – und ein Rennen der Superlative!

Zurheide: Am Samstag sind alle Augen auf Sie gerichtet, Millionen von Radsport-Fans erwarten eine perfekte Performance: Packt einen da auch als Profi das Lampenfieber oder blenden Sie den ganzen Wirbel um Ihre Person einfach aus?

Martin: Lampenfieber habe ich keins, bin jedoch positiv gestimmt. Mein Fokus liegt natürlich auf den ersten dreizehn Kilometern in Düsseldorf. Es ist mein großes Saisonziel um das Gelbe Trikot zu fahren und es vielleicht vor heimischem Publikum überzustreifen. Ich freue mich sehr über diese Chance.

Zurheide: Ihre Ausdauer ist legendär. Nach dem Überqueren der Startlinie warten 3.516 Kilometer auf Sie, darunter knackige Steigungen. Mit welchem Gefühl geht man in so eine Challenge?

Martin: Ich setze mir Zwischenziele und denke die ganze Tour in Etappen. Außerdem bin ich kein Klassement-Fahrer, der vorn mitfährt, sondern bewege mich in der Gruppe. Die Aerodynamik muss man sich ähnlich wie in der Formel 1 vorstellen: Ein großes Fahrerfeld ist da schon etwas anderes als allein gegen den Wind zu fahren wie ein Sprinter. In der ersten Reihe ist man schneller k.o., weil die Windkraft hinzukommt.

Zurheide: Und später, wenn man sich über die Alpen und durch die Pyrenäen quält: Denkt man da an den Zielort und die jubelnden Fans auf der Champs-Élysées oder ganz pragmatisch an das andockende Auto mit den Flaschen und Energieriegeln?

Martin: Man kommuniziert fortwährend mit dem Körper und verfeinert seine Taktik, um innerhalb der Karenzzeit anzukommen. Das bedeutet mal Power bis zum Anschlag, dann wieder eine Stunde am Berg, zuweilen gegen die eigene Resignation anfahrend. Ist man abgeschlagen, kommen einem schon Gedankenspielchen oder man verfällt in eine Art Trance.

Zurheide: Wie züchtet man seinen Körper hoch, um 21 Tage lang dieser Extrembelastung standhalten und sich dann im Gesamt-Klassement möglichst weit vorne zu positionieren?

Martin: Ein wichtiger Baustein ist gute Ernährung. Was ich esse, wandelt der Körper später in Leistung um. Isst man zum Beispiel immer nur Bratwurst und Pudding, sagt er irgendwann: „Okay, so kann ich nicht arbeiten!“

Zurheide: Welche Lebensmittel bevorzugen Sie vor dem Rennen?

Martin: Reis ist gut und Eiweiß, ich bin ein Eier-Fan. Ich geißele mich aber auch nicht, wenn ich mal einen Jieper auf sechs Gummibärchen oder eine halbe Tafel Schokolade habe.

Zurheide: Ihre große Stärke ist das Einzelzeitfahren, der Kampf gegen die Uhr. Wie wichtig sind Taktik und Technik und wie begegnen Sie Ihrem größten Widersacher, dem Wind?

Tour de France

Aerodynamik als Gamechanger: Peloton der Tour de France

Martin: Aerodynamik ist im Radsport das A und O. Um später jede erdenkliche Millisekunde auf der Königsallee einzusparen, muss der Luftwiderstand natürlich reduziert werden. Auf dem Gebiet der Aerodynamik hat speziell auch die Firma Canyon große Fortschritte erzielt und mir ein entsprechend ausgefeiltes Setup für Düsseldorf gebaut. Am Samstag fahre ich das aerodynamischste Rad, auf dem ich je gesessen habe.

Zurheide: Selbst bei optimalem Material: Auf Kopfsteinpflastern zu ackern ist eine Extrembelastung für Finger, Hände und Arme, der Lenker wird zum Presslufthammer. Denn nicht jede Straße ist sauber geteert. Ansporn oder Ärgernis?

Martin: Kantiges, grobes Kopfsteinpflaster im Unterschied zu Flanierpflaster ist eine spannende Aufgabe, aber die Finger werden doch ziemlich gebeutelt. Das gilt weniger für die Tour de France als für ein Rennen wie Paris-Roubaix, welches kilometerlang über Bauernhöfe oder holprige Trecker-Wege führt.

Zurheide: Ihre Generation erobert gerade das Vertrauen der Fans in den Radsport zurück: Wie gläsern oder transparent muss ein Sportler heute sein, um die Doping-Skandale der Nuller-Jahre ins Geschichtsbuch zu verbannen?

Martin: Den Tiefpunkt des Radsports sowie den Unmut der Fans habe ich damals noch mitbekommen, weil meine Karriere genau an der Schnittstelle begann. Nun steuern wir jedoch auf einen neuen Höhepunkt zu. Vor allem wir jungen Fahrer haben mit vereinten Kräften daran gearbeitet. Schwarze Schafe gibt´s natürlich in jedem Sport, deshalb geht der Kampf weiter. Die verschärften Kontrollen sehe ich positiv, sie dienen ja auch dem Selbstschutz.

Zurheide: Die Siegerlisten wurden abgeändert und einige große Namen entfernt. Können die einstigen Spitzenzeiten auch ohne Doping erreicht werden oder reißt das Lücken?

Martin: Im legalen Bereich gibt es viele Verbesserungen, speziell auch beim Material. Außerdem weiß man heute mehr über Ernährung und Trainingstechniken. So entstehen auch bei Nicht-Gebrauch leistungsfördernder Hormone neue Bestzeiten.

Zurheide: Der Radsport ist eine schnelllebige Disziplin mit hoher Durchwechsel-Rate: Welches sind die verlässlichen Konstanten in Ihrem Sportler-Leben?

Martin: Das ist natürlich Kader abhängig, aber ich bin jetzt im zehnten Profijahr und habe insgesamt bisher nur dreimal das Team gewechselt sowie immer noch denselben Trainer, Manager und Physiotherapeuten. Da bin ich loyal.

Zurheide: Wir möchten Sie im gelben Trikot sehen und werden Ihnen mit den anderen Fans zujubeln. Wo postieren wir uns am besten, um Ihren Start möglichst hautnah zu erleben?

Martin: Für den Zeitfahrer zählt der Platz in der Strecke, deshalb lässt sich der Ablauf nicht genau vorhersehen. Die Auftaktetappe startet an der Messe, führt dann entlang des Rheinufers über die Königsallee und wieder zurück zum Ausgangsort.

Zurheide: Dann wünschen wir Ihnen viel Erfolg und sagen zum Abschied leise Sssssrrr!

INTERVIEW: DR. C. ROOSEN

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