Der diskrete Charme des Michael Späth

Michi Späth

Kult-Blogger „The Lost Boy“ über Mode-Mut, Hass im Netz und die Intensität der Introvertierten

Part 1 der Zurheide-Serie Newbies interviewen New-Media-Stars: Unsere ´Azubine´ Yvonne Gottschlich talkte mit Michael Späth

Er war ein Alien in der Provinz und ist heute ein Insider im Global Village. Er verströmt nobles Understatement, doch sein Blog geht durch die Decke und jedes Outfit wird zum Auftritt. Fakt ist: Michael Späth vereint viele Widersprüche in sich. Hat er gar wie andere Internet-Stars längst die Seiten gewechselt – vom Party-Crasher zum Money-Maker, vom Underdog zum karrieregeilen Überflieger? It-Boy oder Gentleman, Masche oder Mantra, Strategie oder Magie: Wie verloren ist „The lost Boy“ wirklich? Megaazubi-Finalistin Yvonne Gottschlich ging dem Phänomen Michael Späth auf den Grund und stieß auf authentische Leidenschaft.

Yvonne Gottschlich: Dein Herz schlägt für ausgefallene Outfits und angesagte Partys: Seit 2012 berichtest du darüber in deinem Mode-Blog thelostboy.de. – der verlorene Junge. Fühlst du dich manchmal auch ein wenig verloren?

Michael Späth: Der Traumtänzer in mir ist echt: Ich komme aus einem 300-Seelen-Dorf in Bayern. Während die anderen Jungs Fußball spielten, zog ich mir lieber Pop-Videos von Michael Jackson rein.
Das Verträumte habe ich mir bewahrt sowie ein Faible für Walt-Disney. Frei nach Peter Pan, Anführer der verlorenen Jungs: „Dream all day and never grow old!“ Den Titel „Thelostboy“ habe ich mir schon früh gegeben. Ich hatte nie dieselben Interessen wie alle meine Freunde und war deswegen oft raus bei Aktivitäten nach der Schule. Ich fühle mich für die Modebranche und das Rampenlicht geboren und bin so verloren für viele andere Bereiche. Daher mein Blog-Name.

Yvonne Gottschlich: Heute bist du eine Persönlichkeit, die von Vogue, GQ und rebellischen, jungen Designern wie Xander Zhou oder Ben Sherman gebucht wird: Dein Erfolgsgeheimnis?

Michael Späth: Erfolgsgeheimnis Nr. 1 – sei mutig! Geh deinen Weg und lass dich nicht von anderen, die das vielleicht verurteilen, davon abbringen. Ich war zuerst auch nur Zaungast auf den großen Shows und die Fashion Crew nicht immer nett zu mir. Tipp Nr. 2: Bleibe authentisch, egal, wie du damit anfangs aneckst. Zuerst lachen sie dich aus: „Das schafft der nie!“ Du wirst hören: „Der Markt ist gesättigt.“ Oder: „Du hast keine Chance.“ Nutze sie! Wenn du eine Vision hast und dranbleibst, ziehst du irgendwann an allen vorbei.

Yvonne Gottschlich: Wie kommt man eigentlich an Front-Row-Tickets für die großen Shows?

Michi Späth
Die Coolen & der Freak: „Anfangs war das so eine Pausenhof-Situation …“

Michael Späth: Wenn dein Blog oder Instagram-Auftritt zu deinem Lieblings-Designer passt, stehen die Chancen für zumindest ein Standing-Ticket nicht schlecht. Auch von diesen Rängen kannst du die Show gut verfolgen. Am besten googelt man seine PR-Agentur und stellt sich dort per E-Mail vor: Wart ihr einmal dabei, landet ihr meist im Verteiler und werdet immer wieder eingeladen.

Yvonne Gottschlich: Seit 5 Jahren arbeitest du hauptberuflich als Social Media Experte: Wie beurteilst du die Entwicklung des Internets?

Michael Späth: Die größte Entwicklung ist wohl, dass aus dem Hobby ein Beruf geworden ist. Als wir damals 2009 angefangen haben, wusste keiner, worum es eigentlich geht. Es gab keinen richtigen Ausdruck dafür, keine Bücher, keinen Experten. Es gab nur den PC und unsere Kreativität. Mittlerweile, besonders seit 2015, ist das Bloggen ein richtiger Beruf, welcher in Seminaren und Universitäten behandelt wird. Es gibt Bücher darüber und ganze Agenturen spezialisieren sich nur darauf. Aus dem Hobby „Bloggen“ ist eine Geldmaschine geworden und eine neue Berufsgruppe. Wurde man anfangs noch mit T-Shirts und Gästelisten-Plätzen bezahlt, geschieht das heute in harter Münze. Es ist ein Riesenbusiness geworden. Damals in meinem Dorf war wir noch richtig mit Herzblut dabei, heute ist viel Kalkül im Spiel, auch das Klima hat sich etwas abgekühlt.

Yvonne Gottschlich: Wie gehst du mit Hass im Netz um?

Michael Späth: Hater-Kommentare werden oft als „ehrliche Meinungsäußerung“ verharmlost, sind aber ein kriminelles Delikt. Ebenso wie Übergriffe im echten Leben, am Arbeitsplatz oder in der Schule. Oft verbirgt sich hinter bösen E-Mails und anderen Verbal-Attacken uneingestanden Anerkennung. Und die muss man sich erarbeiten. Bei meinem ersten Interview gab´s z. B. gleich eine Morddrohung. Mit der Reichweite wächst natürlich auch die Gefahr öffentlich am Pranger zu stehen. Mit Hatern kannst du nicht diskutieren, das stachelt sie nur auf. Beleidigende Kommentare lösche ich deshalb sofort. Anders ist es mit fairer Kritik, die es auszuhalten gilt.

Michi Späth
Stilvorbild Michael Späth: „Anderssein ist Pflicht, erfordert aber täglich Mut!

Yvonne Gottschlich: Auf „thelostboy.de“ engagierst du dich gemeinsam mit anderen Rednern gegen Mobbing, darunter der Sänger Jack Strify und die Models Bonnie Strange, Betty Taube und Riccardo Simonetti, die ausgerechnet wegen ihres Aussehens oft gehänselt wurden …

Michael Späth: Ich wollte die Aufmerksamkeit nutzen und meinen Lesern zeigen, dass viele heute erfolgreiche Menschen früher Außenseiter waren.

Yvonne Gottschlich: Du schreibst einmal, dass du introvertiert veranlagt bist und deshalb manchmal zurücksteckst. Was empfiehlst du zurückhaltenden Menschen, damit sie beruflich nicht unterschätzt werden?

Michael Späth: Sie bekommen meistens zu hören: Stell dich nicht so an, doch das ist leicht gesagt: Der Extrovertierte mit vielleicht etwas mehr Ellenbogen zieht sein Ding durch und die eigenen Ideen gehen oft unter. Schritt eins ist Selbstakzeptanz. Sei sozial. Bleib dran. Dann läuft es von Mal zu Mal besser. Du musst dich der Gefahr aber auch aussetzen, deinen Kokon verlassen. Und gut vorbereitet sein: Angesichts eines Vortrages oder Referats hatte ich oft Versagensängste. Deshalb habe ich Vokabeln und Floskeln gezielt auswendig gelernt und von den Profis abgeschaut: So war ich gegen Black-outs gefeit.

Yvonne Gottschlich: Du hängst mit Promis wie Heidi Klum oder Matthias Schweighöfer ab. Wir lieben Geschichten …

Michael Späth: Mit Heidi Klum habe ich für ihre TV-Show „Germanys Next Topmodel“ gearbeitet. Das war eine tolle und spannende Zeit. Eine lustige Geschichte ist, wie ich die Olsen Twins kennen gelernt habe. Es war eines meiner ersten Events in München. Ein sehr teurer Luxus-Laden lud ein zum exkusiven Dinner. Ich war total aufgeregt und machte mich schick dafür. Als ich dort war, haben mich alle angestarrt nach dem Motto: „Was will der denn hier?“. Das gehört aber dazu und so geht es anfangs wohl allen. Da ich keinen kannte, habe ich nach einer Rückzugsmöglichkeit gesucht, um meine Mails checken zu können. Schließlich fand ich einen Raum, in welchem Essen aufgebaut war. Ich dachte, das sei der Dinner-Raum für alle. Plötzlich hörte ich Kameras klicken und wildes Geschrei. Die Türen gingen auf und die Olsen Twins Mary-Kate und Ashley standen vor mir. Sie sowohl ich waren im ersten Augenblick natürlich total verdutzt. Ich war ausversehen im privaten VIP Bereich der Promi-Gäste gelandet. Wir unterhielten uns kurz, machten ein Selfie und dann musste ich den Raum auch verlassen. Solche Erlebnisse habe ich tatsächlich öfter, sie machen meinen Beruf so aufregend.

Yvonne Gottschlich: Apropos Fashionista: Welches Must-have sollte „Mann“ denn stets im Schrank haben?

Michael Späth
„Hey you! Let´s start something together!“ – wenn sich plötzlich alle Türen öffnen …

Michael Späth: Früher war auf den Fashion Weeks alles mega schrill und „over the top“, heute lautet das Motto: Weniger ist mehr, klassische, zurückhaltende Looks sind wieder angesagt. Ein Sakko ist wie Pizza: Die geht immer. Blazer sollten aber schick kombiniert werden, dürfen nicht nach Kommunion aussehen. Auch in einer Lederjacke siehst du obenrum gleich gut aus. Jeans haben diese Saison ein breites Bein. Der „Skinny“-Trend ist eher rückläufig, Oversize-Outfits und Bomber-Jacken hingegen wieder stark im Kommen. Deutsche Männer sollten mehr Personality demonstrieren: Kleidung ist doch ein Spiegel der Seele, Stimmung sowie eine wichtige Form der Selbstpräsentation.

Yvonne Gottschlich: Gibt es einen Trick, wie man ein Outfit mit einfachen Mitteln aufpeppt?

Michael Späth: Do-it-yourself steht wieder hoch im Kurs und lässt jede Menge Spielraum für Statement-Pieces: von Nieten über Cloth-Pads bis hin zu Adidas-Akzenten. Wenn „Mann“ selbstbewusst ist, kann er alles tragen.

Yvonne Gottschlich: Ein kalorienarmer Cocktail à la Michael Späth: Wie würde er schmecken, aussehen und was wäre drin?

Michael Späth: Ich trinke kaum bis nie Alkohol, habe allerdings eine Schwäche für alles Ungesunde, liebe Pommes, Pizza und Burger. Wenn schon kalorienarm, dann würde ich auf Sprudel-Wasser mit Limetten setzen. Damit es nicht  langweilig wird, würde ich den Cocktail sehr farbenfroh mit bunten Strohhalmen und Schirmchen dekorieren. Auch etwas Minze sollte noch hinein: Content ist schließlich King! 😉

INTERVIEW: YVONNE GOTTSCHLICH, TEXTKONZEPT: DR. C. ROOSEN


„Michi bricht eine Lanze für Netiquette, das finde ich gut!“ Mega-Azubi-Finalistin und Instagram-It-Girl Yvonne Gottschlich (9000 Follower)

Fotos: Felix Grimm

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