DJ Polique, MissTess & die exorbitante Leichtigkeit der Nacht

Sie heißen im Alltag Mona Tessanova, Nicole Simon oder Kostas Triandafilidis und stürmen auf YouTube die Charts. In Großraum-Discos werden sie zu Mensch-Maschinen: Bestens aufgelegt, mastern sie jeden Track – und leben doch gegen die innere Uhr. Wie ticken die Szene-Idole wirklich? Welche Rolle spielen Koffein-Shots dabei? Und wie bringen sie ihre Party-Crowd zum Ausrasten? DJ Polique im Zurheide-Interview.

Warum DJ Polique alias Kostas Triandafilidis, nicht nach Hause gehen will …

… so die Botschaft seines No.-1-Hits´Don´t wanna go home´– wird schnell klar, wenn man sich auf YouTube durch seine Gigs zappt. Dort räkelt sich der Chartstürmer mit lasziven Beautys schier unersättlich in psychedelisch anmutenden Sexorgien. Fernsehauftritte am Brandenburger Tor, die Nr. 1 auf MTVs „German Urban“, an der Spitze der rumänischen Single-Charts und mal eben 50.370 Facebook-Fans: Steigt einem so viel Ruhm zu Kopf?

Gefallene Engel: DJ Poliqe und Model Mary Sue beflügeln die Fantasie der Fans

Gefallene Engel: DJ Polique und Model Mary Sue beflügeln die Fantasie der Fans

DJ Polique: „Schon krass, den eigenen Track auf iTunes zwischen Ariana Grande und Felix Jaehn zu finden. Doch im Kern bin ich humble, bescheiden, geblieben. Lust an der Maskerade gehört im Musikbusiness einfach dazu. Auf der Bühne sind die Regeln anders, die Grenzen verschwimmen, du leuchtest auch Abgründe aus, gibst dich diabolisch. Dieses Zampanomäßige liegt mir. Jeder DJ braucht ein Quantum Unberechenbarkeit, um den Dancefloor zu bewegen. „Obernice“-Typen werden schnell beliebig.

"Heute reißen wir die Hütte ab!" – Mona Tessanova ("DJ MissTess")

„Heute reißen wir die Hütte ab!“ – Mona Tessanova („DJ MissTess“)


Zurheide:
Wie hältst Du es denn als Arbeiter der Nacht mit dem Kaffee?

DJ Polique: Als Mann am Mischpult legst du mal in Berlin, mal in Istanbul auf. Wachbleiben ist deshalb ein großes Thema. Den Koffeinshot verabreiche ich mir aber vor dem Gig. Stehst du erst mal auf der DJ-Bühne, produzierst du dein eigenes Koffein: Das ist Adrenalin pur, da bist du hellwach. Der Kaffee-Kick hilft, wenn ich einen Song mische. Da konzentrierst du dich stundenlang auf bestimmte Sounds – Drums, Snyths,Vocals – und hörst dir eine Sektion tausendmal an. Das Klangbild, die Frequenzen der Instrumente, die Breite, Tiefe und Räumlichkeit von bis zu vierzig einzelnen Spuren müssen nahtlos ineinandergleiten und ebenso perfekt gemischt werden. Ich will ja eine verführerisch funkelnde Klang-Kathedrale errichten und kein Minimal-Geklöppel abliefern.

Zurheide: Das hört sich schwer nach Schufterei an …

DJ Polique: Abendgestaltung in einer Großraum-Disco ist Wertschöpfung pur. Da hörst du zur Vorbereitung bis zu 1000 Tracks die Woche. Du musst die Genres beherrschen: von Hip Hop, R&B, Dancehall, Reggaeton bis Moombahton. Die Playlist vorbereiten. Die Dramaturgie. Unvorhersehbar bleiben. Und dabei immer die Leute lesen können: Wie hoch ist der Frauen- oder Männeranteil? Du wirst zum Seismographen für die Schwingung im Raum, dein Kopf läuft heiß.

Zurheide: Im Auftrag großer Radiosender hast du viele internationale Stars interviewt, darunter Rapper wie 50 Cent, Eminem oder die Pop-Ikone Robert Palmer. Wie sind die so?

Hellyeah, this track bangZ! – der No-1-Hit "Don´t wanna go home" rockt die Charts

Hellyeah, this track bangZ! – der No-1-Hit „Don´t wanna go home“ rockt die Charts

DJ Polique: Allesamt professionell, auch die selbst ernannten Gangsta-Rapper. Sie führen ja teilweise ganze Platten-Imperien, das geht nur mit Managing-Skills. 50 Cent ist eigentlich ganz lieb, trotz neun Pistolenkugeln im Körper. Er besitzt sogar Selbstironie. Nur hinten bei ihm im Augenwinkel ist da so ein warnendes Funkeln: „Verarsch mich nicht, sonst gibt´s Haue!“

Zurheide: Und Eminem?

DJ Polique: Der war beim Interview ziemlich breit, hat sich dann aber zusammengerissen und höflich für den Fauxpas entschuldigt.

Zurheide: Du hast Robert Palmer kurz vor seinem Tod noch interviewt. Trug der ´Gentleman des Blues´ auch im echten Leben stets Schlips und Anzug?

DJ Polique: Messerscharf tailliert, als wäre er einem seiner Plattencover entstiegen. Mein eigener Schlabberlook tangierte ihn dagegen nur peripher, für ihn war das cool. Seine Entourage machte ja auch genug Aufhebens. Zu Beginn des Gesprächs wurde ich getestet: „Was ist R & B-Musik?“ Als ich die Namen aller Big Bands des Rhythm ´n´ Blues herunterschnurrte und den Bogen bis ins Millennium spannte, war die Feuerprobe bestanden. Sein Manager tippte nervös auf die Rolex, weil wir so lange quatschten. Robert ließ dann kurz die Muskeln spielen: „Wann Schluss ist, entscheide immer noch ich!“ Der Programmchef hat sich anschließend bei mir bedankt, für eines der besten Interviews in der Geschichte des Senders: „Good Job, my Man!“ Yessssssss! ;-)“

Rappende Konzern-Chefs: DJ Polique,´50 Cent´& Co. haben ihre Finger in fast jedem Business.

Rappende Konzern-Chefs: DJ Polique,´50 Cent´& Co. haben ihre Finger in fast jedem Business.

Zurheide: Du schießt gerade in den Orbit der Clubkultur. Ambitioniert?

DJ Polique: Durchaus, jedoch mit Bodenhaftung. In der Musik-Branche heben viele ab, weil man sie kurzlebig zu Stars hochjazzt. Ist der Hype um sie verhallt, verkraften sie die Kränkung nicht und landen im Drogensumpf. Arroganz oder Größenwahn ist nicht mein Ding. Wenn die Songs weiter so einschlagen, wird meine Agenda halt engmaschiger. Nach einem Release bin ich dann vielleicht für Spontan-Interviews nicht mehr so greifbar.

Zurheide: Den Kontakt zu dir hat eine Kollegin hergestellt: Mona Tessanova, bekannt als DJ MissTess. Sie kommt aus Berlin, du aus Nürnberg, wie begegnet man sich da?

DJ Polique: Wir sind halt beide Freigeister und touren viel in der Welt herum. Sie hat ein hervorragendes Auge für den Floor und ist ganz klar Berlins First Lady of Black: blond, sexy, explosiv wie ein Vulkan. Mit einem ureigenen Style, sie war früher Profi-Streetdancer. Wie viele andere, namhafte Djs hat sie auf Privatpartys und in kleinen Clubs angefangen. Dann ging´s steil nach oben. O-Ton:´Was die Jungs können, kann ich schon lange!“

"Greetz from Berlin, Dudes!" - Djane MissTess fordert die Jungs heraus

„Greetz from Berlin, Dudes!“ – Djane MissTess fordert die Jungs heraus

Mittlerweile hat sie sich zu einer Ikone der Clubszene gemausert, managt als Chief Executive Officer ihre eigenen Auftritte. Von der ersten Minute ihrer Sets an gibt´s richtig was auf die Ohren – von aktuellen House-Electro-Beats über Black Music bis hin zu den All-Time-Favourites. Die Frau bringt jeden Club zum Brennen. Bevor sie hinter die Plattenteller steigt, trinkt sie ihren Kaffee übrigens „The Worst Way“ – im Auto vor dem Gig, aus der Thermoskanne.

Zurheide: Kostas, wir danken dir und Mona für die Inspiration und schwenken zum Schluss ins Ruhrgebiet. Denn das Abschluss-Statement gehört einer Veteranin des Plattentellers. Nicole Simon bringt seit über 20 Jahren den Pott zum Kochen. Wie kommt man als „Resident“ Djane an so eine weitreichende Fan Base?

Djane Nicole: Um die Hütte abzureißen, brauchst du geilen Beat, der richtig reinballert. Die richtigen Skillz. Vor allem gilt es, den Tänzern Beine zu machen: Die müssen so dermaßen eskalieren, dass sie montags neue Hausschuhe brauchen. Oder erst mal einen starken Kaffee! 😉

"Hammer Beat, Baby!" – Nicole Simon bringt den Pott zum Kochen

„Hammer Beat, Baby!“ – Nicole Simon bringt den Pott zum Kochen

Weiterführende Links:

DJ Polique
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DJ MissTess
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Bildnachweis
Facebook-Titelgrafik von DJ Polique: WavesNDColors, Foto: Elladon

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