Der deliziöse Diss der Désirée Nick

Désirée Nick

Big Sister is watching you – Désirée Nick, die deliziös dissende Diseuse

Ihre satirischen Statements zeichnen das Sittengemälde einer narzisstisch infizierten Kultur, ihre spitze Zunge delektiert sich an den Befindlichkeiten der Beautiful People: Im Jahrmarkt der Eitelkeiten agiert Désirée Nick wie eine Nemesis der Allzufrohen, eine manische Zeitgeist-Seismographin, deren feine Sensoren den Riss unter glänzender Fassade aufspüren, lange noch bevor ihr Lack aufsplittern kann. Wenn die öffentliche Meinung, gebildet durch journalistische Deutungen, Désirée Nick als frivol-blasierte Zotenreißerin verkennt, so nahmen Theaterregisseure wie Rosa von Praunheim ihr künstlerisches Schaffen ernster: Nicht nur ein platinblonder Underground-Kultstar sei sie, sondern auch eine Marlene unseres Millenniums, dabei eine Perfektionistin, eine Besessene, ein Workaholic, ein absolutes Arbeitstier, eine subversive Kraft, welche die vorherrschende Ordnung geißelt oder schlicht laut Wolfgang Joop „die aufregendste Entertainerin Deutschlands“.
Und die widersprüchlichste: Eben noch brilliert sie mit schauspielerischer Grandezza als Joan Crawford am Hamburger Ernst Deutsch Theater, wenig später moderiert sie maliziös lächelnd Big Brother und avanciert einmal mehr zur Königin des Trash. Wer ist Désirée Nick wirklich? Eine Spurensuche.

Zurheide: Oscar Wilde hat die Sentenz geprägt, Frauen seien Sphinxen ohne Geheimnis. Betrachtet man Ihren Werdegang, gilt es jedoch so manches Paradoxon zu entschlüsseln: Klassisches Ballett an der Berliner Oper, Theologie-Studium, Bestseller schreiben, Theaterspielen und Reality-TV – wie passt das zusammen?

Nick: Die Krux ist, es bleibt fast immer nur das Fernseh-Image hängen. Wenn mich an die elf Millionen Zuschauer zwei Wochen lang – wie jetzt in der neuen Big-Brother-Staffel – moderieren sehen, dann ist das ein Bild, das sich ins kollektive Bewusstsein einbrennt. Dass ich jedoch einen Großteil meines Lebens im Theater verbringe, wohlgemerkt, auf der Bühne deutscher Staatstheater, kommt bei den Leuten nicht an. Im Vergleich zu dem Sog, den das Massenmedium Fernsehen entfaltet, stellt ein ausverkauftes Theater immer noch die Minorität dar.

Désirée Nick

Zurheide: Ihr Theater-Debüt gaben Sie u. a. in der Rolle der Schauspielerin in Arthur Schnitzer´s Reigen. Schnitzler galt als „Vivisekteur“, ein Sezierender am lebenden Objekt, der die moralische Degeneration der bürgerlichen Gesellschaft entlarvt. Kommt Ihnen diese Intention bekannt vor, anders gefragt: Sind Sie im Innersten „katholischer“ als man Ihnen zutrauen würde, wenn Sie die Bigotterie der Reichen und Schönen humoristisch brandmarken?

Nick: Man kann Theater mit Fernsehen überhaupt nicht vergleichen. Hier wird eine überhöhte Wirklichkeit abgebildet, deren Dramaturgie sich vom Momentum der Mattscheibe maßgeblich unterscheidet. Moralische Definitionen wie Liebe, Treue, Ehrlichkeit sollte ferner jeder für sich selbst abklären. Solange man weiß, wo das persönliche Feigenblatt sitzt, behält man erfahrungsgemäß auch seinen Anstand, der ja Teil der menschlichen Substanz ist.

Zurheide: Puppenmenschen scheinen bei Big Brother zu agieren, deren adoleszentes Motivationsgefüge noch von keiner tieferen Erkenntnis erschüttert wurde. Als Promi-Typen leicht einzuordnen, entsprechen sie exakt den jeweiligen Gesellschaftsklischees. Dann jedoch überschreiten sie brisant die Grenzen ihrer Rollen und beginnen zu leiden. Wie viel Sadismus bedient das Reality-TV?

Nick: Solche Formate reflektieren natürlich neben Pyrrhussiegen immer auch eine vielschichtige Revue des Scheiterns. Darin besteht ihr Reiz. Das erinnert ein wenig an Nietzsches Tragödientheorie: Auf dem Zenit der Lebensgier holen den Helden Untergang und Tod ein. In dem Fall ist die Strafe natürlich abgemildert, es drohen eher öffentlicher Liebesentzug und Gesichtsverlust. Doch ich will das nicht romantisieren: Hinter der Teilnahme an Big Brother steht seitens der Kandidaten immer auch eine kaufmännische Entscheidung sowie legitimes Kalkül.

Désirée Nick

Zurheide: Versteckt sich in Ihrer ironischen Distanzierung von den Repräsentations-, Selbstbestätigungs- und Schmuckbedürfnissen unserer narzisstischen Kultur auch eine Aufklärungs-Absicht?

Nick: Als Kabarettistin kratze ich natürlich gern ein bisschen am Lack. Den missionarischen Eifer überlasse ich jedoch selbst berufenen Ordnungshütern. Das sind oft dieselben, die in dichotomen Schwarz-Weiß-Denken erstarren und zu extremen politischen Standpunkten tendieren. Ein gesundes Ambivalenz-Verständnis ist meines Erachtens die Basis jeder Demokratie.

Zurheide: Das süße Leben zeigt den Celebrities manchmal auch seine unbarmherzige Kehrseite. Satire muss wehtun, zitieren Sie einmal Tucholsky, sonst sei sie sinnlos. Tat Ihnen dennoch auch schon mal ein Verriss leid?

Nick: Öfter als sie denken: Ich bin ja keine Megäre, sondern eine im Kern durchaus dünnhäutige Künstlerin. Als Komödiantin bewege mich jedoch in ehrwürdiger Tradition. Das schließt in der Burleske nun mal auch Publikumsbeschimpfung mit ein. Meine Frotzeleien zielen tendenziell mehr auf die Manierismen einer Person, die sie ja ebenso gut auch ablegen könnte. Nicht auf das, was sie als Mensch ausmacht. Ihre Würde bleibt deshalb unangetastet.

Zurheide: In der deutschsprachigen Erstaufführung von „Bette & Joan“ unter der Regie von Folke Braband arbeiten Sie eine Überhöhung der Hollywoodlegende Joan Crawford heraus, ihre menschliche Essenz. Wie viel Diva-Potenzial müsste eine Schauspielerin hypothetisch aufbringen, um „Desirée Nick“ auf der Bühne glaubhaft verkörpern zu können. Anders gefragt: Wie viel „Joan Crawford“ steckt in Ihnen?

Nick: Es interessiert Sie, ob ich nicht am Ende doch eine fiese Furie bin. Die Antwort wird Sie enttäuschen: Ich wurde konservativ erzogen und seit jeher auf preußische Disziplin gedrillt, fern von Ballköniginnen-Allüren oder anderen Kapriolen. Ich glaube an Werte wie Teamgeist, Ehrlichkeit und Fairplay. Anders ließen sich so ambitionierte Theaterprojekte – wie das mit Manon Straché – gar nicht umsetzen.

Zurheide: Sie setzten zeitlebens auf radikalen Szenenwechsel. So tanzten Sie als Ballerina in „Schwanensee“, tauschten ihre Spitzenschuhe gegen High Heels und die Glitzer-Ödnis des Pariser Lido, um dann Theologie zu studieren, absolvierten jahrelang kabarettistische Knochenjobs vor Kaninchenzüchtern, Auftritte in Travestieclubs oder Tingel-Touren durch die Provinz.
Dann jedoch katapultierten Sie sich mit einer geballten Dosis Intellekt, Kreativität und Zähigkeit in den Olymp deutscher Fernsehunterhaltung. Wie gehen Sie mit der heutigen Fallhöhe um: Verspüren Sie manchmal noch Versagensängste?

Nick: Wenn Sie wie ich schon mit vierzehn eisern klassischen Tanz trainiert hätten, bis die Füße bluten, nur damit Ihnen dann mit neunzehn wegen eines unerwünschten Wachstumsschubes gekündigt wird, dann entwickeln Sie früh Frustrationstoleranz. Ich habe es gelernt, private und berufliche Tiefschläge mit Humor und Standfestigkeit zu parieren. Und mit einer gesunden Portion Optimismus: Als ich zeitweise für 70 Mark die Nacht in halbleeren Lokalen auftrat und sich mein Publikum von drei auf zwölf vervierfachte, sagte ich mir: „Von nun an gibt es kein Zurück mehr!“

Zurheide: Gut informierte Kreise berichten, dass Big-Brother-Neuzugang Ben Tewaag eine obszön hohe Gage einstreicht, wie einst nur Brigitte Nielsen. Von Beruf vornehmlich Sohn verdankt er seine Popularität jedoch bisher eher skandalträchtigen Gerichtsprozessen als TV-Engagements. Eigentlich war zu erwarten, dass er als erster durchdreht …

Nick: Die Eindrücke verschieben sich ständig, das verleiht solchen radikalen Experimenten ihren Reiz. Menschen sind eben nicht vorhersehbar und entwickeln in Grenzsituationen oft ungeahnte Ressourcen. So kannte man Benjamin Tewaag bisher nur als affektgeladenen Haudrauf. Bei Promi Big Brother wird er gewissermaßen resozialisiert, entwickelt Sozialkompetenz und ist nun auf dem besten Weg zum Sympathieträger. Damit bietet er natürlich auch weniger Angriffsfläche. Wer jedoch ein gefundenes Fressen hergibt, den filetiere ich bis auf die Knochen – mit aller Dämonie, die mein Skript mir abverlangt.
INTERVIEW: DR. C. ROOSEN

Désirée Nick

Gestaltung: Peter Schmidt, Belliero & Zandée. Foto: Timmo Schreiber

Wir danken der Big-Brother/SAT1-Redaktion sowie dem Ernst Deutsch Theater in Hamburg und der Nordtour Theater Medien GmbH für die Bereitstellung und Genehmigung der Fotos sowie dem Team der kick.management GmbH für die freundliche Unterstützung!

3 Kommentare
  1. Johanna
    Johanna says:

    Oh, ist das ein schön zu lesender Artikel- die vielen Blogger, die weder schöne Bilder präsentieren noch der deutschen Sprache mächtig sind, sollten hier lernen, wie’s geht! Danke, danke für den Text!

    Johanna

    Antworten

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